Der Medien-GAU von Odessa

04 Juli, 2014

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Der Medien-GAU von Odessa

Ein Artikel von Dr. C.P. Dorian

Ukraine-Konflikt: Stell dir vor, 40 Menschen werden abgefackelt – und die freie Presse sieht weg. Wie das geht, haben die deutschen Medien im Mai vorgeführt. Hinzukommend: ein unpäßlicher Zeitpunkt sowie Staatsinstitutionen, die selbst dem wohlmeinenden Teil des Publikums nicht mehr vermittelbar sind. Was macht der deutsche Qualitätsjournalist in einem solchen Fall?
Er vertuscht, verschweigt, spielt runter oder übertreibt, wenn das alles nicht reicht: künstlich hochgepuschte Alternativereignisse.

Wie das Genre „Manipulation & Vertuschung“ in der Praxis funktioniert, war am ersten Mai-Wochenende in der Praxis zu erleben. Die schwersten Straßenkrawalle seit den Maidan- Ereignissen Ende Februar.
Über 40 Menschen, die in einem gebrandschatzten Gewerkschaftshaus ums Leben kamen. Über 200 Verletzte. Eine Regierung, der an einer Aufklärung der Geschehnisse ganz offensichtlich nicht gelegen ist. Ist das ein Thema? Berichterstattenswert?

odessa-1Für ARD, ZDF, Süddeutsche, Zeit, FAZ und den Rest des sogenannten Alpha-Journalismus explizit nicht. Vielmehr legten die deutschen Leitmedien einen Info-GAU hin, der Seinesgleichen sucht!

Am „Tag danach“, passend zum Tag der Pressefreiheit, legte sich die Nacht über die deutsche Presselandschaft. Die sogenannten Qualitätsmedien glänzten in Sachen Odessa-Berichterstattung durch eine Nicht-Berichterstattung, die selbst in Anbetracht ihrer bekannten parteiischen Haltung bemerkenswert ist.

odessa-2Die Fakten: Eine proukrainisch-nationalistische Demonstration, darunter zahlreiche Parteigänger des rechten Sektors sowie Fußball-Ultras, wurden – so der Tenor der verfügbaren Infos – von prorussischen Aktivisten attackiert. Binnen Stunden eskalierten die Auseinandersetzungen zu den schwersten Straßenkrawallen seit den Maidan-Ereignissen im Februar – Schusswaffen-Gebrauch und mehrere Tote inklusive.

Am Abend schließlich belagerte ein pro-ukrainischer Lynchmob prorussische Aktivisten, welche sich in das – als Rückzugsrefugium dienende – Gewerkschaftshaus zurückgezogen hatten und attakkierte die dort Schutzsuchenden mit allem, was zur Verfügung stand – darunter auch Brandsätzen und Molotow-Cocktails. Das (bislang) bekannte Ergebnis: über 40 prorussische Aktivisten verbrannten oder stürzten bei dem Versuch, sich zu retten, in den Tod. Die anwesende ukrainische Polizei griff großteils nicht oder zu spät ein; wie viele Pro-Russen außerhalb des Gebäudes getötet wurden, ist derzeit noch unklar.

Falsche Täter, falsche Opfer: Deutschland, die Totschweigemedien

Dem blutigen Gewaltexzess unmittelbar auf dem Fuß folgte die Totschweigefront der deutschen Leitmedien. Falsche Täter, falsche Opfer: Wer sich über die neue Bürgerkriegsfront in der südukrainischen Hafenmetropole informieren will, ist auch heute noch fast vollends auf Blogs, russische Medien sowie Live-Clips bei der Video-Plattform YouTube-Clips angewiesen.

Informative Hintergrundartikel brachten lediglich zwei Ausnahmen: „Spiegel Online“ sowie das – vom qualitätsbewußten Journalismus eher als randständig abgetane – Onlinemagazin „Telepolis“.

odessa-3Der Rest: bis dato Totalausfall. Die Mehrzahl der deutschen Leitmedien versteckte die Vorfälle in der obligatorischen Ticker-Berichterstattung, also unter „ferner liefen“. Die Online-Ausgabe der Süddeutschen brachte zwar die Basic-Facts, vermied dabei allerdings jegliche Hinweise auf Verursacher und Opfer.
Bei der „Berliner Zeitung“ rangierte Odessa ebenfalls unter „nachrangig“.
„Welt“ und „Focus“ behandelten die Ereignisse in einem oberflächlich-allgemein gehaltenen Clip mit teils identischen Bildern.

Zugeknöpft wortkarg gab sich auch die FAZ. Die „Zeit“ schließlich versteckte das Massaker in dem obligatorischen Newsticker-Salat und konzentrierte sich statt dessen – garniert mit den üblichen Schuldzuweisungen in Richtung Rußland – auf die neuesten diplomatischen Entwicklungen.

odessa-4Bemerkenswert an der skizzierten Berichterstattung ist, dass einerseits zwar alles dafür getan wurde, die Benennung von Ross und Reiter zu vermeiden. Andererseits wollte – Blood sells – kaum ein Qualitäts-Leitmedium auf knackige Bilder vom Brand-Schauplatz verzichten. Ein nachgerade absurder Zustand, der auch den Lesern sicher nicht entgangen sein wird.

Noch katastrophaler fiel der Informations-Eiertanz bei den Öffentlich-Rechtlichen aus. „tagesschau.de“ brachte am 3. Mai einen Artikel, der sich in seiner Zugeknöpftheit bruchlos in die beschriebene Berichterstattung einreihte. Zu wenig Infos aus erster Hand? Keinesfalls.
Schlechte Leute vor Ort? Nicht wahr. (…)

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe Magazin2000plus 355

 

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