Der Finanzsektor unterwirft die Welt

20 Juli, 2014

357 280x280Der Finanzsektor unterwirft die Welt

Die Realwirtschaft ermöglicht unseren Lebensstandard

Artikel von Dr. Wolfgang Berger

Die jährliche Anlagesumme des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock Inc. beträgt das Zehnfache des deutschen Bundeshaushalts. Der vom exponentiellen Wachstum dieser „Märkte“ diktierte Druck auf die Realwirtschaft ist dabei, die Erde als Lebensraum zu zerstören.

Im Jahre 1913 wurde in Paris die Internationale Bankenallianz gegründet – heute „Pariser Club“ genannt. Wir hören oft von Umschuldungverhandlungen, die dieser „Club“ im Auftrag der angeschlossenen Banken mit Staaten der Dritten Welt führt. Im gleichen Jahr wurde in New York die Federal Reserve gegründet.

Ein Beteiligter kommentierte diese Gründungsakte: „Die Stunde für die Hochfinanz hat geschlagen, öffentlich der Welt ihre Gesetze zu diktieren, wie sie es bisher im verborgenen getan hat … Die Hochfinanz ist berufen, die Nachfolge der Kaiserreiche und Königtümer anzutreten, mit einer Autorität, die sich nicht nur über ein Land, sondern über den ganzen Erdball erstreckt.“

anl-357-6-1Ein knappes Jahrhundert später hat Rolf Breuer als Vorstandssprecher der Deutschen Bank dieses Urteil wiederholt: „Der Finanzsektor ist die vierte Gewalt im Staate. Er kann die Politik besser auf die richtigen Ziele verpflichten.“ Gemeint ist: besser als Parlamente, Regierungen und Gerichte – die anderen drei Gewalten.

Die Unwägbarkeiten von Gesetzgebern oder Regierungen demokratischer Staaten sind dem Kapital nicht geheuer. In einer Theokratie ist das anders: „Theós“ heißt „Gott“, „kratein“ ist „herrschen“. In einer Gottesherrschaft vollstrecken diejenigen den göttlichen Willen, die sich als seine Diener berufen fühlen. Lloyd Blankfein, Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Goldman Sachs hat, es auf sich bezogen: „Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet.“ Ein Werk für Menschen ist es nicht.

Nachdem Greg Smith bei Goldman Sachs gekündigt hatte, berichtete er, dass seine früheren Kollegen sich über die Kunden der Bank lustig gemacht und sie als Deppen bezeichnet haben. Adam Smith (1723–1790), der große Klassiker der Ökonomie, hat viele bemerkenswerte Dinge geschrieben und gesagt.
Sein wichtigster Satz war vielleicht dieser: „Es gibt zwei Wege, eine Nation zu erobern und zu versklaven. Der eine ist durch das Schwert und der andere durch Verschuldung!“ Die Geschichte des britischen Empire ist die Geschichte des Finanzkapitals der City of London, die das Pfund Sterling als Weltleitwährung durchgesetzt hat.

Die Geschichte der Weltmacht USA ist die Geschichte der New Yorker Wall Street, die den US-Dollar als Weltleitwährung durchgesetzt hat. Diese Finanzzentren in London und New York sind wie siamesische Zwillinge. Weltherrschaft durch die Weltleitwährung Winston Churchill hat den Ersten Weltkrieg für notwendig gehalten, weil das Deutsche Reich sonst Großbritannien wirtschaftlich den Rang abgelaufen hätte – ohne den eigenen Aufstieg mit Schulden bei der City of London zu finanzieren. Eine solche finanzielle Unabhängigkeit war verdächtig. Die Reparationszahlungen aus dem Vertrag von Versailles sind von Deutschland bis ins Jahr 2000 gezahlt worden.

anl-357-7-1Als der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser 1956 den Suez-Kanal verstaatlichte, haben Israel, Großbritannien und Frankreich mit militärischer Gewalt reagiert. Der Kanal in ägyptischer Hand bedrohte die Position des Pfund Sterling. 40 Prozent des Welthandels wurden in Pfund Sterling abgewickelt. Aber die Rückeroberung de Kanalzone misslang und der Kapitalabfluss ins Ausland bedrohte die britische Wirtschaft. Die britische Regierung verbot deshalb Auslandskredite in britischer Währung. Das Kapital sollte im Lande bleiben und mit Krediten die heimische Wirtschaft stützen.

anl-357-7-2Das Verbot der Regierung, Auslandskredite in Pfund Sterling zu vergeben, war nicht zu umgehen. Die Finanzsektor ersann einen Ausweg: Nach den Verträgen von Bretton Woods (1944) ist es jedem Staat verboten, Fremdwährungskredite zu vergeben. Danach kann Großbritannien nur Kredite in Pfund Sterling, die Schweiz nur in Schweizer Franken, die USA nur in Dollar und Russland nur in Rubel vergeben. Aber die City of London Corporation ist eine Firma mit eigener Staatlichkeit, ähnlich wie der Vatikan, der auch nicht zu Italien gehört. Allerdings hat sie keinen eigenen diplomatischen Dienst; ihr ausführendes Organ ist die britische Regierung.

anl-357-7-3In diesem Finanzdistrikt (im Londoner Jargon „square mile“ genannt) ist das Konzept vollständiger Freiheit von demokratischer Unwägbarkeit perfekt umgesetzt. Unter Bruch internationaler Verträge haben die Finanzfirmen der City Dollarkredite vergeben und den sogenannten „Euro-Dollar-Markt“ geschaffen. Der Name ist geschickt gewählt und deutet zunächst nicht auf Betrug. Aber es hat nichts mit der europäischen Währung Euro zu tun. Es ist ein Dollarmarkt in Europa. Die City gehört nicht zu Großbritannien, aber – ein Blick auf den Globus offenbart es – zu Europa. (...)

 

Bildtexte ( von oben nach unten):
Bild 1: Prof. Dr. Wolfgang Berger berät Unternehmen bei einer kraftvollen inneren Neuausrichtung, nach der sie die Turbulenzen, die auf uns zukommen, überstehen werden: www.business-reframing.de.
Bild 2: Permanente Kreditgeber des „Pariser Club“: Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Niederlande, Norwegen, Österreich, Russland, Schweden, Schweiz, Spanien, Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich.
Bild 3: Kreditgeber „Pariser Club“ in Einzelfällen: Abu Dhabi Argentinien, Brasilien, Israel Kuwait, Marokko, Mexiko, Neuseeland, Portugal, Südafrika, Südkorea, Trinidad und Tobago, Türkei 
Bild 4: Rolf-Ernst Breuer war von 1997 bis 2002 Vorstandssprecher sowie von 2002 bis 2006 Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank. Er meint: „Der Finanzsektor ist die vierte Gewalt im Staate. Er kann die Politik besser auf die richtigen Ziele verpflichten.“

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe Wirtschaft-Macht-Politik Nr. 357 / 44

 

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