Geld ohne Wert ...

14 März, 2014

3462 280x280Geld ohne Wert

Ist es wirklich notwendig, daß unser "Geld einen stabilen Wert" besitzt?

Artikel von Prof. Dr. Franz Hörmann

Angeblich waren jene (mittelalterlichen) Zeiten, in welchen die sogenannten Brakteaten im Umlauf waren (einseitig aus dünnem Edelmetall geprägte Münzen, welche zweimal jährlich „verrufen“ wurden, also eingezogen und durch neue – etwa im Verhältnis 4 alte Münzen für 3 neue) für die Bevölkerung Zeiten des Wohlstands und der Lebensfreude.

Die einbehaltene vierte Münze war das sogenannte Schlaggeld, die einzige damals verwendete Steuer, und durch diese halbjährliche Geldentwertung wurde der Geldumlauf beschleunigt, so daß Geld von den Menschen lieber ausgegeben als gehortet („gespart“) wurde, wodurch die Wirtschaft florierte und der Lebensstandard stieg.

Nach einer ganz ähnlichen Logik funktionieren heute auch viele Regionalwährungen, die auf der Idee des „Wörgeler Freigelds“ (in Anlehnung an Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann)( 1) entwickelt wurden: Die Geldbenutzer bezahlen regelmäßig eine Gebühr (z.B. am Ersten jeden Monats), damit das Geld „seinen Wert behält“.

braktaetenUnter diesen Voraussetzungen wird dieses Zahlungsmittel lieber weitergegeben als gehortet („gespart“). Diese Theorie des „umlaufbeschleunigten Geldes“ wurde am 8. Juli 1932 unter dem Bürgermeister Michael Unterguggenberger( 2) in Zeiten der Deflation in der Tiroler Gemeinde Wörgel real umgesetzt. Tatsächlich konnte die Arbeitslosenzahl dadurch um 25% reduziert und etliche dringend erforderliche öffentliche Investitionen umgesetzt werden.

Doch schon im September 1933 beendete die Österreichische Nationalbank per Gerichtsbeschluß diese interessante Geldinnovation. Aufgrund des großen Erfolgs wollten damals über 170 weitere Gemeinden in Österreich diese Idee übernehmen, und es gibt Fachleute, die der Meinung sind, die Geschichte wäre unter Umständen anders verlaufen (Anschluß Österreichs 1939 an das Deutsche Reich), falls es durch diese Initiative in diesem Land zu einem Wirtschaftsaufschwung gekommen wäre. Das Grundprinzip des periodisch entwerteten und dadurch umlaufbeschleunigten Geldes (mit einem „negativen Zinssatz“) wird aber nach wie vor in der Theorie weiter verfolgt und stellt auch die Grundlage etlicher Regionalwährungen dar.(3)

gesellIm Falle des „Wörgeler Freigeldes“ wird „Geld“ wieder als werttragende Stückeinheit verkörpert. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten „Geld“ darzustellen bzw. umzusetzen, z.B. als Kredit („Social Credit“ bzw. „Mutual Credit“). Bei dieser Variante genügt ein Buchhaltungssystem zur praktischen Anwendung. Die Teilnehmer gründen einen Verein, eine Genossenschaft oder ein Netzwerk und nehmen eine gemeinsame Buchhaltungssoftware in Betrieb, in der jedem Mitglied ein Konto eingerichtet wird. Darauf erhalten sie dann von der ganzen (Produktions-)Gemeinschaft einen (Einkaufs-)Kredit (dessen Höhe zuvor gemeinsam beschlossen wurde, „Social Credit“)(4) oder aber sie gewähren sich wechselseitig Kredit in einer bestimmten Höhe („Mutual Credit“)(5).

Eine sehr verbreitete Variante sind die LETS („Local Exchange Trading Systems“) (6), welche zumeist die Open Source Buchhaltungssoftware Cyclos(7) verwenden. Es existieren aber auch größere, etablierte genossenschaftliche Verrechnungssysteme mit breitester Anwendung.(8)
schwundgeldDie besonderen Probleme dieser Komplementär- und Tauschsysteme liegen im Vertrauen der Teilnehmer (wie können „Trittbrettfahrer“ verhindert werden?), der Organisation des Ablaufs (Aktualität und Verläßlichkeit der Aufzeichnungen, werden auch Tauschmittel in Papierform – also „Geldscheine“ – verwendet, für den Fall eines Absturzes des Servers oder eines Stromausfalls?) und der Systemsicherheit (Schutz vor Hackern und Fälschern?). Ein Vorteil wird oft darin gesehen, daß die Kaufkraft durch solche Netzwerke lokal gebunden werden kann anstatt über die Supermärkte und Bankfilialen vom ländlichen Raum sofort in die Großstädte abzufließen, was zu Landflucht einerseits und Arbeitslosigkeit und Bildung von Slums andererseits führen kann.

physiokratischesgeldEine spezielle Form der LETS stellen die sogenannten Time Banks (9) („Zeitbanken“) dar. Hier werden Arbeitszeiten getauscht, zumeist auf der Basis einer Stunde, wobei zumeist diese Stunden jeweils denselben „Wert“ besitzen (d.h. eine Arbeitsstunde eines Friseurs kann unmittelbar gegen die Arbeitsstunde eines Rechtsanwalts getauscht werden). Diese Philosophie ist zunächst gewöhnungsbedürftig, denn in unserer Kultur gilt ja eine (z.B. akademische) Ausbildung zumeist als „Investition in den zukünftigen Lebensstandard“, sollte sich daher amortisieren (etwa durch ein später überdurchschnittliches Einkommen).

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe Wirtschaft-Macht-Politik Nr. 346 / 43

 

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