Magazin2000plus 355 - Editorial

19 Juni, 2014

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Ausgabe 355

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vier lange Jahre will Mario Draghi die Zinsen niedrig halten – vier lange Jahre werden die deutschen Sparer bereits geschoren wie die Schafe. Und mit erstaunlicher Geduld traben sie ins Verderben – von keinem Hirten geführt, von keinem Hund bewacht. Einzig Georg Fahrenschon vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband muckt auf und spricht von der Enteignung der Sparer durch die EZB. Draghi antwortete darauf: „Die EZB bestimmt nur die Zinsen für die Banken, nicht die Zinsen für die Sparer. Die Entscheidung über die Zinsen für die Sparer treffen die Banken.

Unsere Entscheidung ist genau das Gegenteil der Enteignung: Wir wollen für Wachstum sorgen. Und wenn das Wachstum zurückkommt, werden auch die Zinsen steigen.“
Niemand will schuld sein, keiner übernimmt Verantwortung.

Wenn die Bürger unglücklich werden, sind die Banken schuld. Wenn die Steuerzahler geschröpft werden, sind die Regierungen schuld. Wenn sich die Renten in Luft auflösen, sind die Bürger selbst schuld, weil sie nicht genug Kinder gezeugt haben. Im Endspiel geht es um die Schuldzuweisung. Die Zentralbanken sind da in einer besonders guten Position: Sie haben eine ungeheure Macht, sind jedoch niemandem verantwortlich.

Und immer noch schwelt es in Griechenland: Während die Politik öffentlich noch über den Verbleib Griechenlands im Euro streitet, wird eine Neuauflage der alten griechischen Nationalwährung offenbar schon gedruckt: Beim weltweit größten privaten Gelddrucker De La Rue, in einer Großdruckerei in der Nähe des britischen Manchester. Eine der Redaktion bekannte Papierfirma aus NRW liefert bereits über einen Zwischenhändler Material für den Druck von Drachmen an De La Rue. EU-Handelskommissar Karel De Gucht hatte kürzlich in einem Interview mit der belgischen Zeitung „De Standaard“ gesagt, die EZB und die EU-Kommission arbeiteten bereits an Notfall-Szenarien für den Fall, daß Griechenland aus der Euro-Zone austreten sollte.

Finanzprobleme gibt es aber nicht nur in Europa: Im März haben russische Kontoinhaber mehr als die Hälfte ihrer Einlagen von US-Banken abgezogen. Vor dem Hintergrund drohender Sanktionen haben sie ihr Geld so schnell wie möglich aus den USA geholt. Um sich gegen mögliche Sanktionen des Westens zu schützen, machen sich russische Unternehmen vom Dollar unabhängig. Sie eröffnen Konten in Asien und stellen ihre Export-Verträge auf asiatische Währungen wie den chinesischen Yuan und den Hong-Kong-Dollar um.
Der Schritt, Konten zum Handel in Yuan, Hong-Kong-Dollar oder Singapur-Dollar zu öffnen, zeigt Rußlands Willen, sich nach Asien zu orientieren, während seine Beziehungen mit der EU schlechter werden. Die russische Zentralbank arbeitet daran, ein nationales Zahlungssystem zu schaffen, um die Abhängigkeit des Landes von westlichen Unternehmen zu verringern.

China wird von Rußland 30 Jahre lang mit 1,14 Billionen Kubikmetern Erdgas beliefert – und zwar gegen Yuan, statt wie üblich in US-Dollar! Mit diesem Gas-Deal steht zum ersten Mal seit über 40 Jahren die Macht des Petro-Dollar auf dem Spiel. Was Ihnen bislang verschwiegen wurde: Ausgerechnet in der Ukraine wurden vor kurzem sogar 3,6 Billionen Kubikmeter Erdgas gefunden! Dieser Fund ist der wahre Grund, warum der Westen die Ukraine um jeden Preis vor dem Zugriff Rußlands schützen will. Allein dieser Mega-Gasfund könnte den Petro-Dollar noch retten – und deshalb kämpft der Westen so um die Ukraine. Firmen, die in der Ostukraine Gas fördern, haben also eine Schlüsselrolle in einem Weltkonflikt. Es geht um ein 400-Milliarden-Dollar-Projekt. Um milliardenschwere Korruption. Um die Vorherrschaft des US-Dollars. Und um die vielleicht letzten wirklich großen Erdgasreserven von ganz Europa. Die gesamte Energie-Landkarte Europas und Asiens muß wohl bald neu gezeichnet werden. Angesichts der eskalierenden Spannungen in den Meeresgebieten vor der chinesischen Küste nehmen deutsche Außenpolitik-Experten die dortigen Interessenlagen und Interventionsmöglichkeiten in den Blick.

Vor allem im Ostchinesischen Meer stünden militärische Optionen im Mittelpunkt der Konflikte, urteilt ein deutscher Think-Tank: Dort gehe es für China beim Streit um die Diaoyu-/Senkaku-Inseln um die Möglichkeit, sich in Zukunft gegen etwaige Aggressoren zu verteidigen. Im Südchinesischen Meer lägen vor allem Seehandelswege im Zentrum des Interesses, heißt es im Militärfachblatt „MarineForum“: Durch die dortigen Gewässer transportiere China zum Beispiel 80 Prozent seiner Erdöl- und Flüssiggaseinfuhren; das verleihe etwa den Spratly-Inseln jenseits ihrer eigenen Erdölvorkommen hohe strategische Bedeutung. Auf die Frage, wie die EU reagieren werde, sollte es in Ostasien zu einem Krieg kommen – ausgelöst etwa durch die Streitigkeiten um eine oder mehrere Inselgruppen –, antwortet ein Mitarbeiter des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK), Berlin sei gegenwärtig – anders als London oder Paris – kaum interventionsfähig.
Die Bundesrepublik müsse sich deshalb um einen Marinestützpunkt im Indischen Ozean bemühen.

Zum Schluß leider noch eine Unglücksmeldung: Auf dem Heimweg von der Feier zum 99. Geburtstag seines Vaters David ist der 65-Jährige Richard Rockefeller mit seinem Privatflugzeug abgestürzt und ums Leben gekommen. Nördlich von New York soll er mit seinem Flugzeug einige Bäume gestreift haben. Wie es zu dem Unglück kam, blieb bisher unklar. David Rockefeller, Nachkomme des Ölmagnaten John D. Rockefeller (1839-1937), ist zurzeit der Patriarch des berühmten Clans.

Ihre Ingrid Schlotterbeck
Juni 2014

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